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Musik und Autofahren
Eigentlich geht es bei diesen Überlegungen ja ums Essen. Der Beschluss war gefasst worden: zu Sylvester würde es eine Bali-Ente geben. Eine der notwendigen Zutaten ist bekannterweise die Ente selbst. Nun war in Kufstein und Umgebung kurz vor der Jahreswende keine Ente mehr aufzutreiben. Da berichteten Bekannte, dass es in Rosenheim einen Bauernmarkt gäbe, bei dem ein spezieller Bauer immer mit frischem Geflügel aufwarten könnte. Ich fuhr also freitags früh gen Rosenheim und entdeckte den Platz, wo der Markt aufgebaut sein sollte, zu meiner großen Überraschung ohne Mühe. Der Bauernmarkt fand zwar an diesem Tag nicht einmal statt, doch gerade jener Bauer, im übrigen Herr Wurm, erklärte mir, dass er öfters als nur zu den regulären Markttagen nach Rosenheim käme. Scheibbs mit deinem zweiten Donnerstag, nimm dir ein Beispiel! Ich war also bestens gelaunt und schleppte eine 2.7kg-Ente zu meinem Gefährt, nicht ohne vorher noch ein ziemlich nettes Frühstück in der Bäckerei Bergmeister genossen zu haben. (Diese befindet sich seit 70 Jahren in einem stattlichen Gebäude im Zentrum des Max-Josef-Platzes.) Schon bei der Hinfahrt hatte ich gesehen, dass die Autobahn vermutlich infolge des wunderbaren Wetters mit Schifahrertouristen verstopft war. Ich plante also gleich bei der Abfahrt von Rosenheim, mich über die Bundesstrasse zurück nach Kufstein zu verfrachten. Auch hier gestaltete sich die Fahrt ziemlich langsam, da man sich kurz nach Rosenheim durch eine ganze Reihe kleinerer Ortschaften durchfädeln muss. Der bayerische Sender Bayern-4 strahlt rund um die Uhr ein Klassikprogramm aus. Es dauerte nicht lang, bis ich die laufende Musik als eine Sibelius-Symphonie erkannte. Selbst die Nummer war klar, es war die Fünfte. Nach meinem Dafürhalten ist es die Wäldischeste Symphonie von Sybelius. Ich höre das Geflimmer von warmer Sommerluft in den Waldlichtungen und die brausenden Bläser im letzten Satz sind für mich unmittelbar in das Rauschen gewaltiger Holzstämme übersetzbar. (Dass diese Symphonie in Leipzig uraufgeführt wurde, schafft eine zusätzliche Verbindung, da mir Leipzig mittlerweile recht vertraut und lieb geworden ist.) Als ich also durch den Luftkurort Brannenberg schlich, - es waren Gott sei dank keine Fahrzeuge hinter mir - erfreute ich mich am Finale. Ich hätte mit dieser Musik auch noch eine weitere Strecke von 200 km im Schleichgang zurücklegen können. Weils halt gar so schön war, blieb ich dann auch kurz auf einem Parkplatz stehen, um das Wetter und die Umgebung einzufangen.
Der Beifall zum Ende der 5ten war verstummt. Die Ansage des folgenden Stücks lautete: Polovetzer Tänze aus Fürst Igor von Borodin. Das war zum gegebenen Anlass die beste Steigerung, die ich mir vorstellen konnte. Klirrende Kälte, eine Landschaft, in der wie in obigen Bild kein wirkliches Zivilisationsmerkmal zu sehen ist, links ums Eck müssen die Mongolenzelte stehen! Ich habe zu Fürst Igor eine besondere Beziehung, weil diese Oper für mich den Sachverhalt symbolisiert, dass das russische Volk Europa vor dem Einfall der Mongolen bewahrt hat. Das Anhören der Tänze erinnert mich an die erste von mir gesehene Aufführung im Kremlovsky Teatre. Auf vier russischen Langspielplatten habe ich viele Stunden die ganze Oper wiederholt genossen. Vielleicht halten manche die Musik für leicht oder kitschig, darüber will ich jetzt gar nicht diskutieren. Am dreißigsten Dezember des Jahres 2005 war es die Musik, die am besten zu Wetter und Umgebung passte. Hier haben mehrere Sinne zusammengespielt. (?! siehe Gesamtkunstwerk)
Die Ente schien einige Marathonläufe gewonnen zu haben. Trotzdem kam sie nicht gegen das Bali-Rezept an. Gerade heute habe ich gehört, dass indonesische und chinesische Rezepte danach ausgelegt sind, mit den zähesten Viechern fertig zu werden. So kann ich konstatieren, dass die Ente genossen werden konnte, wenn sie auch etwas bissfest war.
Nachgetragen am 14.1.2006
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©2005 Hans Hartmann, all Rights reserved. Last Updated: Thursday 13 July 2006. Impressum und Disclaimer