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Gesamtkunstwerk
Mahlers Zweite mit Synästethik frei Haus nach Johannes DeutschIch genieße ein Jubiläumskonzert zum 50-jährigen Bestehen des Westdeutschen Rundfunks. Semjon Byschkow dirigiert Mahlers 2te. Im Konzertsaal werden dreidimensionale, animierte Skulpturen gezeigt. Wunderschöne Far ben, organische Kanten, musikbezogene Oberflächentexturen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Satz werden zu Ausschnitten des zweiten Satzes die Meinungen von Dirigent und graphischem Gestalter zitiert. Mit großer Emphase teilt Johannes Deutsch mit, dass Mahlers Musik zu reichhaltig ist, um lediglich mit dem Gehörsinn erfasst zu werden. Er sieht die Notwendigkeit, dem Zuhörer die Inhalte über einen weiteren Sinneskanal zuzubringen. Was ich bei einer Wagneroper für durchaus legitim halte, - schließlich hat Wagner selbst vom Gesamtkunstwerk gesprochen - finde ich bei Mahler aus persönlicher Sicht schlichtweg als Zumutung. Ich sehe meine eigenen Farben und Formen selbst im verdunkelten Raum, wenn ich derartige Musik höre. Zu Beginn des vierten Satzes entsteht ein bildfüllendes Szenario - zumindest im Schnitt des Fernsehbildes. Ich versuche mir vorzustellen, was das Publikum im Saal sieht. Der vermittelbare optische Eindruck stellt sich zu meinen inneren Bildern im Verhältnis so dar, als würde ich in einer Badewanne ein Bad nehmen. In meiner Fantasie allerdings bin ich im Meer, ringsum Wasser, Sonne, Wolken und Wind. Die optischen Sequenzen hätte ich lieber in Odyssee 2001 gesehen, dort könnte ich sie gut einordnen. Wenn ich sehe, dass die Synchronisation zwischen optischen Reizen und der Musik oft um mehrere Zehntelsekunden auseinanderläuft, so stört mich das. Es führt zu Interferenzen in meiner Aufnahme. Ich muss gestehen, dass mir bei im Fernsehen übertragenen Konzerten der Blick auf einzelne Instrumente mehr Intensivierung bringt, wenn die Kameraführung sehr gut ist. Doch wenn ich mir wirklich den optimalen optischen Kick gönnen möchte, dann lese ich lieber im Klavierauszug mit. Was hat Thomas Mann in Dr. Faustus über die Zwölftonmusik - allerdings - geschrieben? Manche Feinheiten eröffnen sich erst im Notenbild. Gebt mir Noten und die Musik, für die Farben und Formen sorge ich mich dann schon selbst. Die sich öffnenden Körper zu Beginn des viertes Satzes versöhnen mich etwas. Doch neu ist mir der Gedanke nicht.
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