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1. Jänner 2006

 

Neujahrskonzert

Es gab den typischen Neujahrsvorsatz schon einige Wochen vor dem Neujahrsbeginn: räsoniere nicht, stelle die positiven Dinge dar! Wenn ich davon ausgehe, dass ich früher alles für machbar hielt und mich dazu zwingen musste, die möglichen Komplikationen mit einzuberechnen, ist es heute eher umgekehrt. Es fällt mir sehr leicht, die Fallstricke zu erkennen und ich ertappe mich dabei, das große Ziel als unerreichbar zu betrachten, weil die Summe der kleinen Fallstricke auch den größten Idealismus zu Fall bringen müssen.

In diesem Sinn ergibt sich daher heute die Möglichkeit, mir ein großes Ärgernis vom Leib zu schreiben und dennoch das Positive im Auge zu behalten. Das Thema lautet Neujahrskonzert.

Auf das Neujahrskonzert bin ich als gelernter Österreicher einfach stolz. Die Reichweite ist enorm, nahezu die ganze Welt wird auf die eine oder andere Weise davon berührt. Daneben ist es ein lokalgesellschaftliches Ereignis, was mir persönlich weniger wichtig ist.

Darüber hinaus ist es Bestätigung dafür, dass das Niveau in der "guten alten Zeit" doch höher war. Nein, so alt bin ich noch nicht, dass ich von der guten alten Zeit schwärme. Ich bin es ganz zufrieden, genau in die Zeit hineingeboren zu sein, in der ich aufgewachsen bin. Ich selbst habe noch keinen Krieg erleben müssen und was sich wissenschaftlich und technisch während meiner Lebenszeit getan hat, reicht mehr als einmal aus, um Interesse zu wecken und ausreichend Unterhaltung zu bieten.

Ich beziehe mich auf die Musik des Neujahrskonzertes. Diese bildet im wesentlichen das Programm des Musikantenstadls 1905 oder etwas früher. In dieser Beziehung finde ich Strauss und Co. wesentlich interessanter und besser als die "Volksmusik" des dritten Jahrtausends. Die Gleichartigkeit fällt mir aber nicht erst seit heute - besonders am Beispiel des Radetzkymarsches - auf. Da macht es achtmal hintereinander Tschinnbumm durch die Tschinellen, wozu die Leute besonders gern klatschen. Jene Leute, welche leichtes Entsetzen äußern, wenn ihre Kinder heavy metal oder rave hören wollen.

Das Klatschen zum Radetzkymarsch widert mich in mehrfacher Hinsicht an. Zuerst desavouiert es die live-Zuhörer des Konzerts. Wenn sich der Dirigent zum ersten Mal mit einer einladenden Geste zum Publikum wendet, - manche Dirigenten haben dabei ein nachsichtiges, andere ein triumphierendes Lächeln aufgesetzt - geht es mit einer Bravour ans Klatschen, als hätte man den ganzen Mittag nur auf diesen einen Augenblick gewartet. Endlich darf man mittun, darf das geklatschte Hurra äußern, dass sich am Fussballplatz mit einem "Geh fire, Schurl! Hau eams Laberls ins Netz!" entladen würde. Viel Unterschied kann ich nicht erkennen zwischen dem Edi Fingerschen "Tor, Tor Tor!" und dem "Klatsch, klatsch, klatsch ...", das mich nur dann erheitern kann, wenn ab und zu ein etwas untaktgemäßes "Klaklatsch" erschallt. Vielleicht glaubt auch der durchschnittliche Besucher, wenn man bei den Kartenpreisen von Durchschnittlichkeit sprechen kann, dass er dem Orchester helfen muss, dass der Dirigent nicht allein in der Lage wäre, den richtigen Drive in den Klangkörper hineinzuschlagen. Und natürlich gehört man dazu: links wird geklatscht, rechts wird geklatscht, diesem Gruppendruck kann man sich nicht entziehen. Dazu muss man "Masse und Macht" gar nicht erst gelesen haben.

Im weiteren verdeutlicht das Klatschen noch stärker, als es die Musik schon vermag, den martialischen Charakter des Radetzkymarsches. Es ist ein Militärmarsch. Militärmusik gehört für mich nun einmal zu den schlimmsten Artefakten auf dieser Welt. Selbst wenn man sich gesprochenen oder geschrieenen Anfeuerungstiraden entziehen kann, wird eine entsprechend geartete Militärmusik ihren Anteil haben, dass sich der Soldat leichter ins Gemetzel stürzen kann. Bei der heutigen Art der Kriegsführung wird der Anteil der Musik nicht so stark sichtbar, wenn man vom Walkürenritt beim Hubschrauberangriff in "Apocalypse now" absieht. Die Motivation durch Musik wird aber bereits im Friedensfall während der Ausbildung und an besonderen Ehrentagen vollendet ausgekostet. Ich gestehe bei dieser Gelegenheit gerne, dass auch ich gerührt bin, wenn zu allfälligen sportlichen Ereignissen die österreichische Bundeshymne ertönt.

Der Radetzkymarsch - an mehr als eine Milliarde Menschen übertragen - demonstriert geschlossene Stärke. Zweitausend Besucher zeigen durch eingestimmtes Klatschen, dass es doch noch eine bestimmende österreichische Macht gibt, selbst nach einem ersten und einem zweiten Weltkrieg. Auch wenn unsere Bevölkerung nur ungefähr ein Tausendstel der Weltbevölkerung beträgt, so sind wir an diesem wie jedem ersten Januar tonangebend.

Doch um wie vieles wäre es mir lieber, wenn nicht der Radetzkymarsch die dominierende Neujahrshymne wäre sondern der Donauwalzer, um schon im gleichen Genre zu bleiben. Und wenn es sich im Dreivierteltakt nicht so gut klatschen läßt, böte sich die Quadrille aus der Fledermaus an. Hier wäre auch ein zusätzlicher Effekt zu lukrieren: die kann nämlich mit jedem Durchlauf schneller gespielt werden. Wenn sich zum Schluss die Schwierigkeit zum Klatschen im richtigen Takt in ein allgemeines Durcheinander und ein erleichtertes Klatschgetöse auflösen könnte, wäre der Entladungseffekt ungleich stärker. Darüber hinaus wäre es eine friedliche Demonstration.

Hatte ich zu  Beginn nicht behauptet, dass ich mich positiv ausdrücken wollte?

Bei all meiner Ätzerei gegen das Neujahrskonzert bin ich stolz auf den Umstand, dass es ein institutionalisiertes Ereignis geworden. Die Inszenierungen scheinen jedes Jahr mit Steigerungen auf, an der künstlerischen Interpretation kann man kaum was Bekrittelndes finden.

Ich habe mir heuer das Ausweichkonzert vom Südwestdeutschen Rundfunk gegeben: Richard Wagner und Richard Strauss. Jede einzelne Darbietung, darunter auch Arien aus Wagneropern und die vier letzten Lieder von Richard Strauss, war ein Genuss. Die Konference durch den Dirigenten war liebenswert. Eine kleine Frage beschleicht mich aber auch hier: kann das Gegenprogramm wirklich vollinhaltlich angenommen werden, wenn im vorletzten Stück am ersten Jänner 2006 die Frage gestellt wird: "Ist dies der Tod?" (Im Abendrot, Richard Strauss)

 

 

 

 

 
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